Mein Jahr auf den Philippinen
Eine Erinnerung

Der Platz an dem sich Taft Avenue und EDSA kreuzen, zwei der größten Straßen in Metro Manila, liegt direkt bei uns um die Ecke. Als Neuankömmling war der Trubel und Lärm dort überwältigend. Die EDSA ist zu jeder Tageszeit vollgestopft mit aller Art von Fahrzeugen, hupenden Bussen, Kindern und Verkäufern die dazwischen durchlaufen. An der Seite reihen sich Straßenhändler, die von Früchten über Nüsse und Shakes bis hin zu gebrannten DVDs alles verkaufen. Menschen drängeln aus beiden Richtungen, die einen versuchen zur Treppe zu gelangen, die auf die gigantische Straßenüberführung  führt, die anderen reihen sich in eine der vielen Schlangen für die Busse ein. Alle 5 Meter stehen Boxen aus denen völlig übersteuerte Chartlieder dröhnen. Dazwischen überbieten sich die Konduktoren wie Marktschreier, die die Richtungen der Busse und Jeepneys anpreisen. Es ist unglaublich laut und bunt und trubelig.
An einem Sonntagnachmittag kam ich auf dem Weg nachhause dort vorbei. Normalerweise ist der Himmel über Manila bewölkt von all den Abgasen und dem Smog. An diesem Tag aber hing der die Sonne träge und schwer über den Häuserdächern,  die Schatten lange durch die schräge Einstrahlung. Leicht gestresst und wie immer meine Tasche zum Schutz fest im Arm bahnte ich mir einen Weg durch die Menschen, bis ich an einer Straßenecke ein junges Mädchen sah. Unter dem losen Kleidchen zeichnete sich ihr zerbrechlicher Körper ab, die Arme und Beine viel zu lang und dünn um zu diesem Körper zu gehören.
Selbstvergessen betrachtete sie ihren Schatten auf der Straße, hob die Ärmchen und bewegte sie wie Flügel. Sie hüpfte in die Luft. Wirkte wie ein Vogel, der vergessen hat wie man fliegt.
Ungestört von dem Trubel der Menschen, dem Lärm und den Autos spielte sie lange mit ihrem Schatten und ich beobachtete sie.
Ich habe kein Foto gemacht, obwohl ich meine Kamera dabei hatte. Momente wie diese kann man nicht festhalten. Aber dieses Bild, so unwirklich und aus Ort und Zeit gegriffen werde ich wohl ohnehin nie vergessen.

Die Kinder lieben es sich fotografieren zu lassen und ich versuche so oft es geht meine Kamera mit nach draußen zu nehmen um ihr unbeschwertes Lachen einzufangen. Ich hoffe ihr habt an diesen Bildern genauso viel Freude wie ich!

9 Kinderrechte auf Filz, gemalt von unseren Kindern. Dieses Design wird auf Taschen, T-Shirts, Karten und Stickers gedruckt. Bestellungen bitte an mich :)P.S. Sieht das nicht super aus????????

9 Kinderrechte auf Filz, gemalt von unseren Kindern. Dieses Design wird auf Taschen, T-Shirts, Karten und Stickers gedruckt. Bestellungen bitte an mich :)
P.S. Sieht das nicht super aus????????

Sensible Themen in einem sensiblen Umfeld

Ich bin nervös. Heute sind 16 Hochglanz-Photo Stories aus der Druckerei gekommen, das Ergebnis unseres Photo Story-Projekts, das seit April läuft. Ich habe total unterschätzt wie viel Arbeit und Zeit dieses Projekt braucht, aber dafür ist es auch wirklich eines, welches ich für sinnvoll halte. Meine große Angst vor meiner Philippinenzeit war, dass ich eine Arbeit habe, von der ich selber denke, dass sie im Grunde überhaupt nichts bringt.
Thea und ich sind schon so stolz auf unsere Kids, die eigenständig eine Geschichte entwickelt haben über ein Thema, über das es nicht leicht fällt zu reden, zumal einige der Kids selbst davon betroffen sind: Es geht um Drogen, um Teenageschwangerschaften, um Erpressung, Armut, häusliche Gewalt und Gruppenzwang.
Die Absicht des Projektes ist, mit Kindern über ihre Probleme in ihrem Barangay zu reden, ihnen die Chance zu geben ihre Meinung zu sagen und eine Mitteilung an die Menschen in ihrem Umfeld zu senden. Es sind erfundene Geschichten, basierend auf realen Problemen.
8 Barangays sind an diesem Projekt beteiligt, von jeder Geschichte gibt es eine Tagalog-Version und eine auf Englisch – je nachdem welchen Leuten sie gezeigt wird.
Seit letzter Woche arbeiten Thea und ich an der Editierung bis spät abends und verschieben die Deadline zum Drucken stetig nach hinten. Sind die Dialoge schlüssig, welchen Bildausschnitt wählen wir, hier muss das Wahlplakat im Hintergrund retuschiert werden, können wir das wirklich so drucken und ist das nicht zu krass, warum öffnet sich mein Programm nicht mehr, wer übersetzt die Version von Barangay 89 in Tagalog und welches Layout nehmen wir?
Ich hatte das Gefühl wir werden nie fertig, aber jetzt sind wir es und ich bin so froh, dass wir uns die Zeit genommen haben weil das Ergebnis sich wirklich sehen lassen kann.
Die Photo Stories sollen in den Barangays ausgestellt werden, dort wo sie entstanden sind und dort wo die Probleme sind, von denen die Kinder reden. Für eine Woche werden wir die Geschichten in den Barangays zu sehen sein, wir haben ein Rotierungssystem entwickelt, sodass jeden Tag in jedem Barangay eine andere Story zu sehen ist.
Zusammen mit einem Social Worker haben wir in den letzten Tagen alle Barangay Captains abgeklappert, unser Projekt vorgestellt und um die Erlaubnis gebeten, die Arbeiten der Kinder im Barangay selbst ausstellen zu dürfen. Wir bekamen 7 von 8 Zusagen.
Barangay 13 ist unser schwierigstes Barangay. Die schlimmste Armut, die meisten Probleme. Demnach ist die Geschichte, die die Kinder aus diesem Barangay geschrieben haben auch die krasseste von allen. Es geht um ein Mädchen das zu einem Besäufnis eingeladen wird, dabei Drogen ins Trinken geschüttet bekommt, vergewaltigt wird und davon schwanger wird. Diese Geschichte ist wirklich passiert, ist aber so abgeändert, dass keine Parallelen zu den realen Personen gezogen werden können.
Der Barangay Captain von Barangay 13 will diese Geschichte nicht ausstellen. Es würde sein Barangay in einem schlechten Licht präsentieren und außerdem könnten Kinder auf die Idee mit dem Besäufnis kommen.
Wir fragen uns nur was der Unterschied ist, wenn die Kinder ihre Väter und Geschwister auf der Straße trinken sehen oder ob sie es in einer Geschichte lesen.
Es sind einfach heikle Themen, die in den Geschichten angeschnitten werden. Vor allem wenn es um Sex geht, fangen oft an alle Alarmglocken an zu schrillen.
Ich bin besorgt. Dass die Menschen aggressiv auf die Ausstellung reagieren, dass die Kinder, die die Geschichte geschrieben und gespielt haben dafür zur Rechenschaft gezogen werden, dass Aufruhr entsteht der unsere Organisation CFSI in ein schlechtes Licht rückt.
Sensible Themen in einem sensiblen Umfeld. Das kann entweder ein voller Erfolg werden – oder voll nach hinten losgehen.
Zusammen mit den Photo Stories stellen wir Kunstwerke der Kinder aus, die in einem anderen Workshop über Kinderrechte entstanden sind. Wir haben die 9 wichtigsten Rechte herausgesucht und dazu haben die Kinder Banner gestaltet. Es sieht nach der Zusammenstellung am Computer so super aus, dass wir dieses Design auf T-Shirts, Taschen, Karten und Sticker drucken lassen und diese dann in unserer nächsten Ausstellung in der amerikanischen Botschaft verkaufen. Die Einnahmen gehen direkt zurück an die Kinder.
Es verbleiben 6 Wochen hier und es gibt noch so viel zu tun. Drückt uns bitte alle Daumen für die Ausstellung!

Buntes Leben

Mein Blog war in den letzten Wochen alles andere als aktiv, aber das ist glaube ich auch die schwerste Zeit zum schreiben: Wenn man so richtig angekommen ist, wenn ein Tag unbemerkt in den anderen übergeht weil man so viel erlebt und so viel passiert.
Jule, eine Freundin von Thea und mir ist am Wochenende aus Laos gekommen und wir fahren in einer Stunde 17 Stunden mit der Fähre auf eine Insel, deshalb wird dieser Eintrag nur ein kurzes Update.
Mir geht es prima! Auf der Arbeit haben wir die letzten Wochen sehr viel zu tun gehabt weil wir ein großes Photo Story Projekt haben. Unser Programm hat die 8 problematischsten Barangays in unserem Umfeld herausgegriffen und mit diesen läuft über das ganze Jahr ein Aufklärungsprogramm. In jedem Barangay wurden vier Family Support Worker (Erwachsene Freiwillige) und 4 Youth Peer Councelor (Jugendliche Freiwillige) ausgewählt, die bei uns Seminare und Aufklärungsprogramme besuchen und diese Informationen dann in ihre Barangays weitertragen sollen.
Thea und ich haben uns ein Projekt ausgedacht, dass die Youth Peer Councelors mehr ihres Amtes als Vermittler bewusst werden lässt und gleichzeitig lehrreich sein soll.
Das Photo Story Projekt ist so aufgebaut, dass die Youth Peer Councelor aus ihrem Barangay 5-8 Kinder / Jugendliche auswählen, die ‘at high risk‘ sind, wie unser Chef das immer so schön formuliert. Mit dieser Gruppe haben wir dann ein Einführungstreffen gemacht, in denen wir erzählt haben wie das Ganze funktioniert und ein bisschen schauspielen geübt haben. Danach hat jede Gruppe sich zusammengesetzt und über Probleme in ihrem Barangay diskutiert. Sie sollten dann eines der Probleme heraussuchen und darüber eine Geschichte schreiben. Diese Geschichte haben wir dann am folgenden Tag in den Barangays fotografiert.
Das hat von Barangay zu Barangay unterschiedlich gut geklappt, weil es maßgeblich damit zusammen hing wie engagiert die Youth Peer Councelors des jeweiligen Barangays waren.
Nicht nur einmal haben wir Treffen um einen ganzen Tag verschoben weil 2 Stunden nach dem angesetzten Termin noch keiner da war. Aber Gottseidank schmeißt mich so was schon lange nicht mehr aus der Bahn. Pünktlichkeit ist nicht so die Stärke der Philippiner (und meine mittlerweile auch nicht mehr so). Dann haben sich Gruppen während dem Schreiben der Geschichte verstritten, sodass das Treffen nicht fortgesetzt werden konnte und einige Geschichten hatten so seltsame Logikfehler, dass wir da noch ein paarmal nachfragen und überarbeiten mussten.  
Aber alles in allem haben wir jetzt super Geschichten und mächtig stolze Kids, die ihre Ergebnisse auch bald in einer Ausstellung bewundern können.
Einen Kunst Workshop über Kinderrechte haben wir auch noch gemacht (oh man, es war wirklich viel los!), der total super gelaufen ist.
Ansonsten bin ich der Explosion auf dem Mount Mayon entkommen, wir waren nur 3 Tage vorher dort, das war wirklich ein kleiner Schock.
Meine Familie war mich hier besuchen und wir hatten eine wunderschöne Zeit auf Palawan.
In meiner Freizeit bin ich jetzt seit einigen Monaten viel Laufen. Es tut total gut, nach den langen Tagen im Office einfach den Kopf frei zu kriegen und nach einigen Wochen Intensivtraining bin ich im Mai meinen ersten Halbmarathon gelaufen.
Ich kann nicht sagen, dass ich irgendwann DEN Tiefpunkt hatte, es gibt hin und wieder ein paar blöde Tage, aber die guten überwiegen doch deutlich.
Vor 2 Wochen habe ich auf der Straße ein kleines Katzenbaby gefunden. Sie saß am Straßenrand und hat herzzerreißend laut geschrien und ich konnte sie einfach nicht da sitzen lassen. Die Kleine hat es eine Woche geschafft und ist dann aber schließlich in meinen Händen gestorben.
Wenn ich zurück schaue kann ich kaum glauben, dass schon über 9 Monate um sind und es macht mir irgendwie Angst darüber nachzudenken, dass es schon so bald wieder nach Hause geht. Natürlich gibt es auch viel auf das ich mich wieder freue, aber es wird wirklich schwer dieses bunte, spannende, philippinische Leben zurückzulassen.
Ich verspreche jetzt wieder ein bisschen öfter zu schreiben, ich will noch so viel erzählen!

Ingat kayo.
Passt auf euch auf.

Alltag

Die folgenden sechs Einträge sind ein Versuch euch meinen Alltag in Bild und Text zu veranschaulichen.
Die Bilder sind teilweise von David, dem Freund meiner Projektpartnerin, der letzten Monat hier zu Besuch war. Vielen Dank dass ich sie hier verwenden darf!

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1) Die Kinder
Ich habe viele der Kinder so ins Herz geschlossen, dass ich gar nicht daran denken will wieder zu gehen. Vor allem weil ich kaum eine Möglichkeit habe ihre Schicksale und ihr Leben weiter zu verfolgen. Gestern sind zwei achtjährige Mädchen nach dem Schwimmen links und rechts an meiner Hand gelaufen. Wir haben über unsere Geburtstage geredet. Marie Cris hat am 20. Dezember Geburtstag. Ob ich denn da immer noch da sein werde - nein, leider. Aber du kommst doch zurück oder? Eine Frage die nicht nach einer klingt weil sie es in einem Tonfall gesagt hat als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt.
'Ate Clara I will miss you!' und sie lachen und umarmen mich und geben mir so viel mehr zurück als ich ihnen jemals geben kann. 

2) Die Barangays
Ein Barangay ist auf den Philippinen die Bezeichnung für ein Viertel. Jeder Barangay hat eine Nummer und einen Barangay Captain, der Sprecher des Barangays. Es ist die kleinste ‘politisch’ organisierte Einheit auf den Philippinen.
Die Barangays in unserer Gegend sind sehr arm. Am Anfang war ich geschockt und ängstlich der Armut so direkt zu begegnen. Schon lange gehört auch das zum Alltag und es ist interessant wie sich auch hier die Wahrnehmung verschiebt. Neulich war ich mit einem Mädchen zuhause, die zu den ‘reicheren’ Familien der Gegend gehört. Sie haben ein kleines Haus und das Mädchen schläft in einem Kabuff unter der Treppe. Auf dem Boden liegt eine Matraze und an den Wänden hat sie Bilder aufgehängt, so wie fast jedes Mädchen in ihrem Alter. Das ganze Zimmer ist wahrscheinlich nicht mal 2 Quadratmeter groß und dennoch war ich so begeistert und fasziniert, dass sie einen eigenen Raum hat! Die Regel ist einfach, dass die ganze Familie, oft 3 Generationen zusammen in einem kleinen Raum schlafen.
Ich habe oft den Eindruck, dass die Kinder ihr ‘zuhause’ mehr als nur einen Platz zum schlafen sehen. Ihr Zuhause ist einfach das ganze Barangay, die Straße, die Nachbarn, die anderen Kinder.
Und ich merke auch, dass ich die Umstände in denen die Menschen hier wohnen immer weniger schlimm finde. Der Punkt ist, dass die Menschen es ja überhaupt nicht anders kennen, was sollen sie denn dann vermissen? Und manchmal bin ich fast neidisch, wenn ich mit den Kindern durch die Barangays laufe. Jeder kennt jeden, jeder ist überall willkommen, es wirkt wie eine riesige Familie, ein Netzwerk aus Beziehungen und Gemeinschaft und überall ist das Leben. Leben, Leben, Leben. So gesehen sind diese Menschen nicht arm. Sie sind viel viel reicher als wir es jemals sein werden.